Mein 100-jähriges Dasein ...
Ich bestehe eigentlich aus zwei Arten von erster Gattung in der Gattung Ulmaceae - Ulmengewächs. Meine Wurzelbasis ist Ulmus Campestris (Feldulme) darauf in ca. 50 cm Bodenhöhe "veredelt" Ulmus Glabra Pendula, die Bergulme in Hängeform. Meine Ulmenfamilie hat auf der Welt nur 4 Gattungen. Darunter ist eine - die Ulme - auch Rüster genannt. So um das Jahr 1893 wurde mein Samen gesät. Im stämmigen Alter von 6 Jahren wurde ich umgepfropft, ein Reiser der Hänge-Bergulme wurde mir aufveredelt. Mein Veredler muss ein sich der Schöpfung verbundener Gärtner gewesen sein, denn in üblicher bekannter Form wird eine "Hängeform" nie so tief unten im Wurzelbereich veredelt! Mein Geburtsort ist im Raume Graz. Jedenfalls stand ich seit 1902 beim Haupteingang des botanischen Gartens in der Schubertstraße 52 in Graz und diente dort in dieser Zeit der "Universitätsbotanik" als Lehrobjekt. Mein "Namens-Etikett", welches Sie hier sehen, ist noch ein Original aus dem Jahre 1935. Mein Artenname wurde in der botanischen Nomenklatur seit diesem Zeitraume zweimal umbenannt. Deshalb steht auf dem Etikett noch: "Ulmus scabra" = Ulmus montana = Ulmus glabra. Um 1990 wurde das Areal, wo ich gute 90 Jahre stand, für einen Neubau der botanischen Fakultät freigemacht. Der größte Teil des dortigen Bestandes wurde umgepflanzt. Als die Reihe an mir war, wurde "HALT!" gesagt. Vom fachlichen Auftraggeber wurde konstatiert, dass ich zur Umpflanzung schon zu alt und im weiteren nicht die "Würde der Wertigkeit" in der "pflanzlichen Daseinswelt" besäße. Das heißt: die Umpflanzungskosten nicht wert gewesen bin. Mein Dasein sollte die Säge beenden. Der Gärtner, welcher den damaligen Umpflanzungsauftrag tätigte, fragte die Auftraggeber, ob er diesen Baum für sich - auf seine eigenen Kosten - ausgraben und mitnehmen darf. Dies wurde bewilligt mit dem Hinweis, dass ich, die Ulme, so nicht weiterwachsen werde, den Aufwand des Verpflanzens also nicht Wert sei! Der Gedanke des Gärtners war, dieses originelle Pflanzengeschöpf einem Kindergarten im Bereiche der Stadt Graz als lebenden Kletterbaum für die kleine Jugend zu schenken und somit zu erhalten. Allerdings wurde dies abgelehnt! So nahm mich - die Hängeulme - dieser Gärtner zu sich mit nach Hause, pflanzte mich, die knorrige Ulme, mit gärtnerischer Lebenssorgfalt und - ich lebe! Mein Umpflanzungsgewicht hatte rund 4 Tonnen, mein ursprünglicher Kronendurchmesser betrug 7 Meter. Bei jeder Umpflanzung brachen nicht nur Teile meiner Verzweigungen, sondern gleich ganze Astarme ab. Mein Stammumfang beträgt, gemessen im Bereiche der Veredelungsstelle, 170 cm. Sie sehen mich hier eigentlich kleiner als ich noch vor kurzem war. Durch das Umsetzen und Weiterwachsen, was ja in meinem pflanzlichen Alter keine Einfachheit und Selbstverständlichkeit ist, habe ich "Lebensschrammen" abbekommen. Sie sehen dies durch die aufgebrochene Rinde an meinem beiden Stammästen. Diese Umpflanzungswunden sind gerade wieder dabei zu verheilen. Es wird viele Jahrzehnte brauchen, aber sie tun nicht weh. So kann ich mich als echten, im Sinne der Natur gewachsenen BONSAI, als Lebensbaum - Baum des Lebens - darstellen, in welchem die angenehmen und weniger angenehmen Zeitabschnitte meines Lebens zu erkennen sind und diese mit Zuversicht dem Betrachter weitergegeben werden - und dies nicht nur auf mich bezogen.
Im Zuge der Internationalen Gartenschau 2000, hier in der Steiermark, beteiligte sich mein Gärtner bei der Mustergartenschau mit einem Gartenprojekt, in welchem ich, die 100-jährige Hängeulme, die oberste Dominanz, die zentrale Aussage dieses Teils seines Mustergartens abgebe. Ich - die "Berghängeulme" - soll und möchte die Aussage kundtun: "Wo ein Wille, da auch Hilfe, Können und Gedeihen - und nicht wie in unserem abendländischen Gedankengut, in dem die Rentabilität hochgepriesen wird. Freude und Einkehr liegt in der Einfachheit des Wollens und minimiert die Kosten aufs Unwesentliche - für das Leben gibt es keinen Ersatz!" Hier in dieser Mustergartenanlage stehe ich auf einem zentralen Höhenraum, welcher aus Säulenbasalt, dem Vulkanschlundstein, aus Urzeiten ringförmig aufgebaut, mich umschließt. In zwei Meter Entfernung wurde ein weiterer Steinkreis, diesmal als Wallmauer und diese aus Muschelsandstein, welcher noch aus Ablagerungen des Pannonischen Meeres stammt, errichtet. Beide Steinarten stammen aus der näheren Umgebung des Ausstellungsortes. Sie sehen mich schon von Weitem. Kommen Sie in meinen Lebensbereich des Jahres 2000, so führt kein kurzer, direkter Weg zu mir herauf. Sie können, wie im Leben, aus mehreren Wegen wählen, der eine kürzer, aber etwas mühevoller, der andere länger aber dafür mit geringerem Widerstand. Interessant sind beide. Beim Eingang zu meinem Kreisplateau wacht ein 2,5 Tonnen schwerer Tropfstein - ein Wunder der Schöpfung aus reinen Kalzitkristallen (Kalkkristallen) - welcher großartig in der Nähe von Graz vorkommt. Symbolisieren sollte dies, dass die pflanzliche Welt die erste lebende organische Masse war, die es ermöglicht hat, dass die Menschen und die Tiere ihr Leben aufbauen konnten und sich am Dasein erfreuen. Abschließend noch eine kleine Anekdote: Aus Anlass der Gartenschau 2000 wurde von den Veranstaltern auch ein in Europa anerkannter Feng Shui Meister in das Gelände dieser Pflanzenausstellung, welcher auf einer Fläche von 20 ha veranstaltet wird, geladen. Dieser Meister bezog den 6. Energiepunkt dieser Lehre eben bei meinem Standort. Ein Satz wurde nachstehend in der Zeitschrift "Der Garten" zu diesem Thema Anfang April 2000 zitiert: "Der letzte Energiepunkt befindet sich im Zentrum des Schaugartens der Fa. Zenz. Eine 100-jährige Berg-Hängeulme betont den 6. Energiepunkt, der der Familie zugeschrieben wird."
Etwas lang - aber es ergibt sich eben so!
Zur Eröffnung der IGS 2000 . Grambach, im April 2000 |